Das Hölderlin Hochhaus im Stuttgarter Westen eint unter seinem Dach Büro- und Wohnräume. Urban gelegen, oft übersehen, ragt es doch wie eine Insel markant in den Stuttgarter Himmel.

Wie ein fokkusiertes Abbild unserer Gesellschaft leben hier auf 14 Stockwerken Menschen verschiedenster Ethnien, Berufe, Generationen und sozialer Herkünfte. Es eint sie ein Haus, es trennen aber doch die jeweiligen Lebensgeschichten die Menschen voneinander.

Diese Verschiedenheit zu portraitieren hat sich der Fotograf Willy Löbl des Künstlerkollektivs Frischvergiftung zur Aufgabe gemacht. Bewohner des Hauses stellen sich vor die Kamera und erzählen etwas aus ihrer Lebensgeschichte. Dies soll noch mit einer kleinen Geschichte des Hauses in Kontext gebracht werden.

Die Ergebnisse sollen im Rahmen eine Ausstellung im Foyer des Hölderlin Hochhauses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zur Finissage wird das Haus zur Bühne. Texte über das Haus und seine Bewohner werden in einer Performance vorgestellt. Diese beleuchtet die Lebenswelt der Bewohner, die Geschichte und Architektur des Hauses.Die Texte sind im Vorfeld der Arbeit entstanden und geben den fotografisch Porträtierten eine Stimme. Umgesetzt werden die von der Regisseurin Christine Bossert (WIR.Jetzt!) gesammelten und bearbeiteten Texte von den Schauspielerinnen Christine Binder und Lucia Glaser.

Die Ausstellung:
18.11.2016 bis 26.11. täglich (außer Montags und Dienstags) von 17-19 Uhr

Finissage
mit Szenischer Lesung
26.11.2016 19-21 Uhr

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DIE INITIATOREN

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WILLY LÖBL

Nach mehreren Semestern Philosophie und Soziologie, setzte sich doch der Drang nach Gestaltung durch. Grafik-Designer & Fotograf seit 1999 für Agenturen und seit 2003 selbstständig.

2007 folgten auf die Gründung des Visual Labels Frischvergiftung mit Kompagnon Maximilian Pfisterer Auftritte als VJs in Clubs uns Festivals im In- und Ausland u.a Watergate, Miami Music Conference, Detroit Music Festival, SMS und lange Jahre als Resident VJs im Club Rocker 33.

Zahlreiche Projekte im Bereich Architektur Mapping für Industriekunden und Festivals – z.B. das Electric Baroque im Schloss Ludwigsburg.

Seit unserem Einzug vor ca. 3 Jahren bin ich fasziniert von der Vielfältigkeit der Persönlichkeiten hier im Haus.  Diese Verschiedenheit möchte ich gerne portraitieren und so ein Zeitdokument schaffen, welches die Lebendigkeit hier im Hölderlin Hochhaus zeigt.

www.frischvergiftung.de

 

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CHRISTINE BOSSERT

Nach der Schauspielausbildung in München und vielen Jahren auf der Bühne u.a.: Württembergische Landesbühne Esslingen, Prinzregententheater München, Komödie Kassel, Tribüne Berlin, bei Rundfunk und Fernsehen, nahm die Liebe zur Regie und zur Leitung eigener Projekte überhand. Stationen als Regieassistentin und Spielleiterin an verschiedenen Opernhäusern u.a.:
Staatsoper Stuttgart, Theater Nordhausen, Wilhelma-Theater, Stuttgart.
2009 Gründung des Seniorentheaters „Die Silberdisteln“ am Theater Nordhausen.
Seit 2010 ist sie freischaffende Regisseurin und Dozentin. Inszenierungen u.a.: Studio Theater, Stuttgart, Burgfestspiele Freudenberg, Theater Nordhausen, OST-freie Szene im Depot, Stuttgart. Sonnentortheater Neustrelitz. Als Dozentin u.a.: Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Stuttgart; Junge Akademie Stuttgart; Workshops und Seminare für Firmen, Theater und
Vereine.
2013 Gründung des Theaterlabels WIR.Jetzt!.
Für dieses Spartenübergreifende Theaterlabel entstanden bisher vier Produktionen.
2015 schrieb Christine Bossert ihr erstes Theaterstück “Talk Talk- Reise ohne Flucht“, eine Bearbeitung des Romans Talk Talk von T.C.Boyle.
In der Spielzeit 2015/16 war sie Künstlerische Leiterin des Theaterhaus TiG 7 in Mannheim.
In der Spielzeit 2016/ 17 inszeniert sie frei und es entstehen weitere Produktionen mit dem Theaterlabel WIR.Jetzt!
www.christinebossert.de

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„Ich versuche schon auf die Älteren etwas zu achten – wenn ich jemanden ein paar Tage nicht mehr sehe, schaue ich mal nach.“

„Für Stuttgarter Verhältnisse ist es hier ja noch leistbar, wobei manche Wohnungen auch schon unverschämt teuer vermietet werden.“

„Wir haben uns hier im Aufzug kennen gelernt – unser Kind, dürfte auch im 10. Stock entstanden sein :)“

„Ich liebe Katzen, da ich selber keine habe, freue ich mich, dass die von meinen Nachbarn öfter vorbeikommen.“

„Ich finde es toll, das soviel Menschen aus verschiedenen Ländern hier wohnen. Es ist echt international hier.“

„Viel Kontakt zu meinen Nachbarn habe ich nicht, man kennt sich eben vom sehen.“

„Bin ganz neu hier und fühlte mich sofort wohl.“

„Die Jungen Leute könnten freundlicher sein…“

„Ich genieße meinen Balkon und die Aussicht über Stuttgart“

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GASTBEITRAG VON FELICITAS OTT

Die Architektur des Hölderlin-Hochhauses hatte mich auf den ersten Blick beeindruckt: Der Eingang mit der hohen Glasfront, das großzügige Foyer mit der Hausmeistertheke und die herrliche Rundumsicht von der Dachterrasse auf Stuttgart. Inzwischen sind 23 Jahre vergangen und noch immer bewundere ich den malerischen Fernblick im Wechsel der Jahreszeiten aus meinem Appartement im 5. Stock.

Das von 1956-1958 erbaute Haus weist zeittypische Elemente der Architektur der 1950er Jahre auf, u.a. die Rasterfassade (vor allem auf der Südseite mit den nach innen gezogenen Balkonen), der repräsentative äußere und innere Eingangsbereich mit Pfeilern/Säule, Büros im 1. Untergeschoss und Erdgeschoss, kleine Wohneinheiten ab dem 1. Obergeschoss (für Singles in der Nachkriegszeit) sowie eine gemeinschaftliche Sonnenterrasse. Die Architekten waren Hermann Krenz (Stuttgart) und Dr. Ronald Rohn (Zürich). Von Krenz ist der Bau zweier Geschäftshäuser in der Stiftstraße bekannt (eines davon ist das ehemalige Modehaus Fischer). Der Schweizer Architekt Rohn hat auch überregional gewirkt (u.a. für den Konzern Hoffmann-La-Roche). Bauherr des Hölderlin-Hochhauses war der Fabrikant Eugen Lämmle. 1971 wechselte das Haus in den Besitz von Roswitha Deyle. Ab den 1980er Jahren wurden die Appartements nach und nach verkauft bis ca. Mitte 1990 eine Eigentümergemeinschaft gebildet war. Von Anfang an faszinierte mich die unterschiedliche Bewohnerschaft (fast durchweg Mieter), die einen Querschnitt durch die Bevölkerung bietet. Professoren, Studenten, Angestellte, Künstler, Rentner, Arbeitslose, Menschen unterschiedlicher Generationen und aus der ganzen Welt finden sich hier. Zahllose Bewohner habe ich ein- und ausziehen sehen. Die Struktur eines Appartement-Hauses mit 164 Wohneinheiten von überwiegend unter 30 qm beinhaltet eine hohe Fluktuation. Viele verlassen das Haus nach wenigen Jahren oder bereits nach kurzer Zeit. Zudem gibt es eine kleinere, jahrzehntelange Stammbewohnerschaft.

Mit dem Hölderlin-Hochhaus verbinden sich für mich viele Begegnungen mit seinen Bewohnern. Jeder hat seine Geschichte, die man oft nicht oder nur flüchtig, mitunter auch genauer kennt. Das Haus bietet die Möglichkeit zurückgezogen zu leben und dennoch mit Menschen zusammen zu sein. Man trifft sich zufällig im Foyer bei den Aufzügen oder an den Briefkästen. Oft werden nur einige Worte über das Wetter gewechselt. Es wäre dennoch unzutreffend diese Kommunikation per se als oberflächlich zu bezeichnen. Über die Jahre zeigen Nuancen des Gesprächsverlaufs das jeweilige Tagesbefinden. Es ist eine Freundlichkeit, fast möchte man sagen eine Unbeschwertheit vorhanden, die sich auch daraus ergibt, dass sich dort viele Bewohner nur für einen mehr oder weniger lang begrenzten Zeitraum aufhalten bzw. einen zweiten Wohnsitz haben.
Die Kehrseite der Medaille liegt darin, dass die meisten Eigentümer nicht im Haus wohnen und daher über viele Vorgänge nicht im Bilde sind. Kurz gesagt: aufgrund von Betrug und Misswirtschaft der damaligen Verwaltungen war das Haus 2007 stark angeschlagen. Die Konten waren leer bei gleichzeitigem Instandsetzungsbedarf. Das Untergeschoss war widerrechtlich von Büros zu provisorischen „Wohnungen“ umgebaut worden. Die gut durchdachte bauliche Konzeption des Hauses mit Büros im „Fußpunkt“ (1. UG und EG) und Wohnungen ab dem erhöht liegenden 1. OG sichert jedoch das gesamte Gefüge des Hölderlin-Hochhauses.

Der Widerstand gegen eine Rückführung in einen ordnungsgemäßen Zustand war groß. Das Hölderlin-Hochhaus liegt in bester Lage im Stuttgarter Westen. Immobilienbegehrlichkeit spiegelt sich hier wider. Jahrelang habe ich zur Unterstützung der VEWA-Hausverwaltung (zeitweise auch in der Funktion als Verwaltungsbeiratsvorsitzende) zusammen mit Anwälten für das Recht der Eigentümergemeinschaft gekämpft, über ihr Eigentum selbst bestimmen zu dürfen. Im Oktober 2016 steht nach bald 10 Jahren die Rückführung des 1. UG zu Büros kurz vor dem Abschluss.
Es bedarf Umsicht, Wachsamkeit, Transparenz und ein Denken in größeren Zusammenhängen, um dieses erhaltenswerte Gebäude – das ein Stück Stuttgarter Geschichte in sich birgt – auch in Zukunft zu bewahren.

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